Weg der Erinnerung
Lübbecke gedenkt des Schicksals seiner jüdischen Bevölkerung in der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte. Die diesjährige Gedenkveranstaltung an die Novemberpogrome 1938 steht unter dem Thema „Es fing so harmlos an ... Wie die Hoffnung auf ein besseres Leben sich zum Völkermord wandelte“.
Die Gedenkveranstaltung führt nach dem Auftakt an der „Brücke“ über die Max-Lazarus-Straße zum Platz der Synagoge. Schülerinnen und Schüler der Stadtschule, des Wittekind-Gymnasiums sowie des Berufskollegs sind dafür im Vorfeld gemeinsam mit ihren Lehrkräften der Frage nachgegangen, wie es in Lübbecke war, als das NS-Regime das Sagen übernahm. Das Erarbeitete stellen sie an den Stationen des Weges vor. Der Vorbereitungskreis, dem neben den Schulen auch die katholische und die evangelische Kirchengemeinde, der DGB, die Heimatpflege und die Stadt Lübbecke samt Stadtarchiv angehören, lädt herzlich zur Teilnahme ein.
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und den hohen Reparationszahlungen des Deutschen Reiches lag die Wirtschaft auch im Lübbecker Land lange Zeit am Boden. Viele Arbeitslose sorgten sich um das finanzielle Auskommen ihrer Familien. Es gab Verbrechen und Diebstähle. Das alltägliche Leben schien gefährlicher und unsicherer geworden zu sein. Bei vielen waren damit der Verlust des Selbstwertgefühls und die Angst vor der Zukunft verbunden.
Nationale Propaganda hatte schon während des Weltkrieges eine große Rolle gespielt. Nun spitzte sich die Situation weiter zu. Die Auseinandersetzungen, besonders vor Wahlen, arteten vielerorts in Straßenkämpfe oder Saalschlachten aus. Ob es so 1930 auch für Lübbecke geplant war, als der bislang letzte jüdische Lehrer und Kantor am Ort, Max Lazarus, aus einer Parteiversammlung komplementiert wurde? Üblicher Weise bestand das Vorgehen der NSDAP darin, bei Parteiveranstaltungen die SA als Aufpasser und Saalwächter einzusetzen. So konnte die Partei Stärke zeigen. Wurde Unruhe provoziert, agierten die SA-Truppen quasi wie eine Polizeiorganisation und präsentierten sich als vermeintliche „Ruhestifter“.
Auch in Lübbecke spitzte sich die politische Lage ab 1930 schnell zu. Häufig fanden Parteiveranstaltungen wie Vorträge, Diskussionsabende und Fackelzüge statt, bei denen auch zahlreiche NSDAP-Anhänger aus dem Umland auftraten. Es wurde der Eindruck einer Massenbewegung erweckt, obwohl der Zulauf vor Ort zunächst spärlich war. Die „Volksgemeinschaft“ wurde dabei besonders betont: Ob Fabrikant oder Arbeiter – es sollte die Idee einer vermeintlich klassenlosen, harmonischen, „rassisch“ homogenen Gesellschaftsordnung vermittelt werden. Kaum jemand wagte, dagegen aufzubegehren.
Schnell entstanden Gruppierungen der Partei, etwa Jugendgruppen, SA, SS und andere. Mit ihrem Angebot an Veranstaltungen wurden die Interessen der „Zielgruppe“ bewusst ausgenutzt, z. B. Abenteuer, Lust auf Neues (Fliegerei, Motorrad fahren, …).
Nach den Wahlen vom 5. März 1933 gewann die NSDAP zunehmend Oberwasser. Sie ließ die jüdischen Geschäfte boykottieren und sorgte für die „Gleichschaltung“ der Gesellschaft. Die bunte Vielfalt an Parteien, Organisationen, Vereinen, Meinungen, Weltanschauungen und Religionen wurde beschnitten. Auch Polizei und Justiz sowie die Presse wurden von der NS-Ideologie durchdrungen. Die persönlichen Grundrechte aller Menschen wurden schnell und immer stärker eingeschränkt. Ein Einparteienstaat wurde eingerichtet und die NSDAP bewirkte durch Gesetze, Verordnungen und die Besetzung wichtiger Stellen durch NSDAP-Mitglieder ein Machtmonopol der Partei und eine strikte Gliederung der Gesellschaft. Der NS-Staat brachte sich in alle Lebensbereiche ein, so auch in die Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Schließlich sollte diese nächste Generation der Bevölkerung des „Tausendjährigen Reichs“ eine entscheidende Rolle spielen. Schon im Kinderzimmer begann die Beeinflussung: Spielzeug, Bücher usw. wurden bewusst so gewählt, dass sie den NS-Staat verherrlichten. Die jungen Menschen wurden zur Genügsamkeit, zu Opferwilligkeit, bedingungslosem Gehorsam und strenger Disziplin erzogen.
Kindergärten waren damals längst noch nicht überall vorhanden. In Lübbecke war jedoch das Gebäude der heutigen „Brücke“ unter Leitung der Ev.-luth. Kirchengemeinde schon 1908 als „Kleinkinderschule“ eingeweiht worden. Um alle konkurrierenden Organisationen auszuschalten, eröffnete die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt auch im Lübbecker Land ab dem Frühjahr 1939 gezielt eigene „Erntekindergärten“. Dort betreuten ideologisch geschulte Parteikräfte während der arbeitsreichen landwirtschaftlichen Monate, meist von April bis zum Herbst, Kleinkinder. Die Kindergärten entlasteten nicht nur die Frauen, sorgten für weibliche Arbeitskräfte in der Industrie, sondern auch für parteitreuen „Nachwuchs“. Zugleich wurde das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder zurückgedrängt.
Besonders hart traf die NS-Ideologie die jüdische Bevölkerung und parteikritische Gläubige anderer Konfessionen, Parteigegner, Sinti, Roma und viele andere. Sie wurden mit unerbittlicher Härte und ohne Anlass verfolgt. Unzählige Menschen wurden inhaftiert, in Konzentrationslager deportiert, gefoltert und ermordet.
Zum mahnenden Gedenken wird daher bei der Gedenkveranstaltung am 9. November der Bogen von den hiesigen Anfängen der Partei über die Ereignisse der Pogromnacht bis zur Gegenwart gespannt.
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- Sa28. Nov
